Ahnenforschung - für Anfänger

Am Arbeitsplatz wurden wir vom Mitarbeitermagazin dazu aufgefordert, Artikel über ein Hobby beizusteuern. Ich habe deswegen einen kleinen Artikel über Ahnenforschung verbrochen. Er wurde in der Ausgabe vom 9. Dezember 2004 gedruckt.

Citat Nibelungen

Ahnenforschung - ein Hobby

"Uns ist in alten mæren / wunders vil geseit, von helden lobebæren / von grôzer arebeit, von fröuden, hôchgezîten, / von weinen und von klagen, von küener recken strîten / muget ir nu wunder hören sagen"(Nibelungen).

Alte Männer in braunen Strickwesten?

Ich glaubte, Ahnenforschung sei etwas für ältere Männer in braunen Strickwesten - aber das war ein Vorurteil, das schnell fiel. In den letzten Jahren sind recht viele junge "Arkivknacker" und solche mittleren Alters dazugekommen, Ahnenforschung ist modern geworden. Es ist ein Hobby, das sich an alle Alters- und Gesellschaftsklassen richtet. Analysen zeigen, dass Ahnenforschung populär geworden ist, weil die große Welt als unübersichtlich erlebt wird, und damit die nahe Welt auf den Spuren der Familie als verlockend und Geborgenheit vermittelnd gilt. Wenn man sich in den Lesesälen der Archive umschaut, fällt auf, dass man offensichtlich von einem "Frauen-Hobby" sprechen muss. Das weibliche Geschlecht überwiegt. Es gibt also nicht viele ältere Männer in braunen Strickwesten, obwohl sie auch im Team sind.

Warum?

Fragt man herum in Ahnenforscherkreisen, war es meist eine bestimmte Geschichte, die Ahnenforscher animierte, bei Volkszählungen, in Kirchenbüchern, Testamenten, Wegweisern, alten Telefonbüchern und anderen Quellen zu graben anzufangen. Typischerweise wird ein spezifischer Nachname gesucht, der zurückverfolgt werden soll, oder auch "alte mæren" in der Familie, deren Wahrheitsgehalt man überprüfen möchte. In meinem Fall war es eine Kombination aus diesen beiden Gründen.

Spezifische Nachnamen

[Diese sind in Dänemark nicht häufig. Es überwiegen Namen mit -sen, wie in Hansen, Sohn (søn) von Hans.] Mein Name ist Hanne Baunsgård Stegemüller und mein Nachname ist sehr speziell. Stegemüller kommt achtmal vor im dänischen Telefonbuch und dreimal im deutschen. Dieser Name ist so selten, dass es nicht hätte vorkommen sollen, dass es am Arbeitsplatz zwei Mitarbeiter mit diesem Namen gibt ( - nämlich Lene und mich). In meiner Familie erzählt man folgendes über diesen Namen: "Der alte Stegemüller war Hutmachermeister und kam von Baden Baden nach Dänemark. Er kam, weil er aufgrund seiner Tüchtigkeit von der Hutabteilung der Textilfabrik Brede gerufen wurde."

Es zeigte sich, dass an den Hüten was dran war - allerdings war Baden Baden ein Märchen. Er kam von Frankfurt an der Oder. Ein Teil der Familie, die in Deutschland in Ostpreußen blieb, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Sowjetunion einverleibt, als die Grenze zur Oder-Neiße verlegt wurde. Wilhelm Rudolf Stegemüller kam 1890 nach Dänemark zur Textilfabrik Brede im nördlichen Kopenhagen (Lyngby). Er wohnte im "Meisterflügel" und heiratete kurz danach die Tochter eines Nachbarn und bekam insgesamt neun Kinder, wovon acht erwachsen wurden; eines dieser Kinder war der Großvater meiner Kollegin Lene, und ein anderes mein Großvater.

Baunsgård hat nichts mit dem früheren Staatsminister von Dänemark Hilmar Baunsgaard zu tun. Ich hatte das aber geglaubt. Mein Großvater mütterlicherseits wurde Carl Baunsgaard genannt, hieß aber offiziell nicht so. Es stellte sich heraus, dass Carls Tante (Tochter seines Großvaters, einer meiner Urgroßväter) einen Mann von einem Hof in der Gemeinde Give westlich von Vejle heiratete, das Baunsgaard (gaard bedeutet Hof) hieß. In der Geschichte heißt es weiter, dass die Kinder mit den Kindern aus Baunsgaard spielten und ihnen der Name blieb. Das ist doch mal eine ganz andere Art, sich einen Teil seines Namen zu verschaffen. Es ist nicht gelungen, meine Mutter von dieser Version zu überzeugen. Sie erinnert sich nämlich, dass Großvater erzählt hat, dass ... Wenn man auf Märchen baut, ist man meiner Meinung nach ein Ahnenquacksalber - kein Ahnenforscher. Mein eigener Zugang zur Zunft besteht darin, Hypothesen aufzustellen, Beweise zu führen und die Ergebnisse zu dokumentieren. Ohne diese gibt es keine Ergebnisse, die zu verwenden wären.

"Geschichte auf Augenhöhe"

Es ist "Geschichte auf Augenhöhe" die mich interessiert, weil diese das tägliche Leben und Tun von normalen Leuten beschreibt. Adlige und Geistliche, Räuber und Banditen sind hinreichend beschrieben worden. Wer aber außer mir schreibt die "alten mären" von meinen Großeltern und deren Großeltern auf, deren ganz normales Leben und Tätigkeiten. Nie habe ich so viel Geschichte verinnerlicht wie jetzt. Ich bin 40 Jahre alt und gehöre einer Generation an, die gelernt hat zu lernen, aber nicht viel Wissen angeeignet hat. Das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil ich weiß, wie ich historische Fakten finde; schlecht, weil es schön wäre, wenn man nicht von vorne anfangen müsste, z. B. mit der Aufhebung der Leibeigenschaft bzw. dem "Erbuntertänigkeit", dem Krieg 1864 und der Wiedervereinigung in 1920.

Wie fängt man an? Die ersten Quellen

Die Eltern meiner Mutter sind vor Jahren gestorben, und die Eltern meines Vaters waren schon vor meiner Geburt gestorben, damit hatte ich niemanden, der die ersten Spuren liefern konnte. Alle Hand- und Lehrbücher der Ahnenforschung, auch Genealogie genannt, beginnen mit einem Abschnitt, wie man anfangen soll. Die vielen Worte können auf dies reduziert werden: "Frag die Älteren in der Familie, solange sie sich noch erinnern."

Die Älteren sind Goldgruben an Wissen und Lieferanten wichtiger Teile eines Puzzles, die sie selbst als unwesentlich erachten, wie "Vetter Ole, der wohl kurz nach dem Krieg die Tochter Birthe des Kaufmanns heiratete.....ich denke, dass sie in Vejle wohnten. Er war anscheinend im Widerstand in Herning". Ich selbst habe unbekannte Enkel meines Urgroßvaters (des Hutmachers) aufgespürt und Interviews gemacht, die ich auf Band aufnahm, denn wenn die Lust zum Erzählen erst einmal mit ein paar einleitenden Fragen geweckt ist, kommt man mit dem Aufschreiben meist nicht schnell genug hinterher. Falls die Familie Papiere (Schulabschlüsse, Taufscheine, Trauscheine, Sterbeurkunden, Testamente) aufbewahrt hat, sind diese auch hervorragende Anfangspunkte.

Falls man niemanden fragen kann, muss man die Archive bemühen. Sie enthalten meterweise Dokumente, die bloß darauf warten, gefunden und benutzt zu werden. Die Leute damals verstanden sich auf das Eintragen und Archivieren - auch wenn sie keine EDV hatten. Man fängt mit Kirchenbüchern und Volkszählungen (in Ländern, wo es diese gibt) an, um ein "Gerüst" aufzustellen, wobei man mit diesen leicht zugänglichen Quellen sehr weit kommen kann. Die Kirchenbücher beschreiben die, die auf die Welt kommen und diese wieder verlassen, während die Volkszählungen Wohngemeinschaften beschreiben. Der Schlüssel ist immer die Gemeinde, wo die Menschen lebten, die man sucht.

Sex und Genealogie im Internet

Wenn man nach "Sex" googelt, bekommt man 197 Millionen Ergebnisse, mit der Suche nach Genealogie oder genealogy 13.425.000. Nicht schlecht für etwas, das früher ein "olle Knacker-Hobby" war. Die Ahnenreihen sind wahrlich im Internet angekommen. In Dänemark sind viele Volkszählungen - die es wohl in Deutschland nicht gibt - zu finden unter ddd.dda.dk. Die einzelnen Volkszählungen (die ersten 1787, 1801, 1834 danach alle 5 Jahre) variieren im Informationsgehalt. Die Zählungen von 1845 und später sind richtig gut, weil für jede Person in der Liste der Geburtsort angegeben wird. Wenn man eine in einer Volkszählung aufgelistete Person kennt, kann man das Kirchenbuch der Gemeinde durchgehen und eventuell das Glück haben, die Kinder zu finden, die leider nicht lange genug lebten, um in einer Volkszählung zu erscheinen. Mit etwas mehr Glück hat der Pfarrer seine Gemeindemitglieder gekannt und zusätzliche Anmerkungen geschrieben.

In Deutschland ist nach 1875 alles in den Standesämtern registriert, davor mit einigen Ausnahmen in den kirchlichen Registern, wobei die Konfession natürlich wichtig ist. Einen ausgezeichneten Leitfaden für Ahnenforschung in Deutschland ist: www.ahnenforschung.org/documents/Leitfaden.pdf. In Deutschland gibt es stellenweise auch Namensregister zu den Kirchenbüchern, was in Dänemark nicht der Fall ist.

Ein anderes wichtiges Link ist www.familysearch.org die enorm große und zugängliche Datenbank der Mormonen mit Kopien aus allen Kirchenbüchern der Welt. Ein Link in Dänemark ist www.arkivalieronline.dk wo die gesamten Kirchenbücher des Landes und früherer Volkszählungen gescannt einsehbar sind.

Kann man also im stillen Kämmerlein forschen? Nach meiner Überzeugung nicht, aber die Vorarbeiten zu erfolgreichen Archivbesuchen können zu Hause erledigt werden. Im Internet kriegt man leicht Kontakt zu anderen, die in den gleichen Gemeinden arbeiten, vielleicht sogar mit den gleichen Personen. Die Hilfsbereitschaft unter Ahnenforschern ist groß; alle möchten den Anfängern helfen. Ich glaube, das kommt daher, dass alle die Freude teilen, die man selbst empfand, als man die ersten belastbaren Ergebnisse gefunden hatte.

Kontakte zu anderen Forschern:

Auch hier ein wenig Rat und Anleitung zu Programmen, in denen man seine Informationen speichern kann. Ich habe selbst zweimal das Programm gewechselt, wobei die Datenmigration einem Albtraum gleichkam. Es geht nicht so leicht, wie der Verkäufer meint. Mein Rat ist, man sollte sich relativ schnell darüber klar werden, was man mit der Forschung will, und Demoversionen der verschiedenen Programme ausprobieren, bevor man sich entscheidet.

Ein preiswertes Hobby?

In der Zeit, in der man die Nase in Kirchenbücher oder Ortsbeschreibungen steckt, bleibt wenig Gelegenheit, Geld auszugeben und so gesehen erscheint Ahnenforschung ein preiswertes Hobby. Aber plötzlich braucht man vielleicht eine größere Platte im Rechner, einen Scanner, um alte Bilder veröffentlichen zu können, eine DSL-Verbindung zum Internet mit höherer Geschwindigkeit u. v. m. Möglicherweise - falls man ernstlich züchtig wird - braucht man auch einen Mikroficheleser, damit man die Kirchenbücher in aller Ruhe zu Hause lesen kann. Und auch ein paar Bücher über die Geschichte des Landes und ein paar genealogische Handbücher können nützlich sein. Auf diese Weise lässt sich doch einiges an Geld ausgeben, aber es soll unterstrichen werden, dass man auch mit Kleingeld weit kommt, wenn die Archive, wie in Dänemark im Winter, auch am Samstag auf haben.

Und was Ahnenforschung noch so alles mit sich bringt

Familienforschung führt erstens dazu, dass es immer Gesprächsthemen in der Familie gibt. Es herrscht großes Interesse, die neuesten Ergebnisse zu erfahren. Und es hat auch zu einer Menge Kontakten mit anderen Forschern und zu fernen Familienmitgliedern geführt.

Für mich ist ein wichtiger Teil der Forschung die Freude darüber, Ergebnisse zu vermitteln: Hier ist das Internet ein herausragendes Medium. Ich habe meine eigene Homepage, wo ich die Ergebnisse veröffentliche. Man kann sie unter http://stegemueller.dk/ anschauen. Ich kannte Webdesign nicht, wollte aber eine Botschaft vermitteln. Deswegen habe ich gelernt, wie man eine Homepage "zusammenschustert".

Man muss nicht sehr weit zurückgehen in die Vergangenheit, um die Sütterlinschrift (Fraktur) lernen zu müssen um die Archivtexte lesen zu können - in Dänemark vor 1875, in Deutschland noch später. Es ist am Anfang schwierig, aber erfahrungsgemäß fangen die Kritzeleien plötzlich an, einen Sinn zu ergeben. Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Alter der Quelle und der Lesbarkeit.

Insgesamt gesehen hat die Ahnenforschung zur Folge, dass ich viele neue Qualifikationen habe entwickeln müssen, und es ein Vergnügen ist, wenn man etwas macht, das verwendet werden kann - nicht nur von einem selbst, sondern auch zur Freude anderer.